Diesen Brief habe ich im Februar an alle meine Spender geschickt, da der Blog in der letzten Zeit ziemlich leiden musste, veröffentliche ich ihn hier nun einfach als Beitrag...
Jetzt bin ich bereits etwas mehr als 6 Monate hier in Khayelitsha und man könnte schon fast sagen, meine Zeit würde sich so langsam dem Ende zu neigen, wenn ich nicht nach Abschluss meines Dienstes noch fast 1 ½ Monate hier verbringen würde, um Südafrika als Land in einer großen Rundreise kennen zu lernen.
Gerade jetzt habe ich meinen ersten Urlaub hinter mir, eine schöne Reise nach Johannesburg (nein, ich war nicht in dieser Stadt und habe mich in Gefahr gebracht, lediglich in einem Städchen nebenan) und Lesotho, bei der ich auch das Projekt „Kids Haven“ in Benoni (eben jene Stadt bei Johannesburg) kennen lernen konnte. Neben Baphumelele Children’s Home war dies mein favorisiertes Projekt in Südafrika.
Der Besuch und der Austausch mit den anderen Freiwilligen war schön und spannend. Endlich konnte ich einmal selber sehen, worüber ich die anderen immer nur habe erzählen hören.
Durch die Reise und die Ferien konnte ich endlich einmal richtig abschalten und den Alltagsstress für ein paar Tage aus meinem Gedächtnis verbannen, Abstand von dem Projekt kriegen und mich etwas regenerieren, denn über zu wenig Arbeit könnten wir uns hier in Baphumelele nicht beschweren, gäbe es da nicht die Taxi-Streiks...
Soweit ich es verstanden habe, ist der Plan der Regierung all die unsicheren, großen Minibusse (mit VW-Bussen zu vergleichen, aber meist von Toyota) von der Straße zu holen und durch kleinere zu ersetzen. So verständlich dieser Schritt ist, genauso ist verständlich ist die Angst der Leute vor dem Ende zu stehen. Viele tausende Arbeitsplätze würden verloren gehen, viele Leute darunter leiden. Das Problem an dem Streik ist, dass nicht nur die Minibustaxifahrer streiken, sondern diese auch noch die Busse daran hindern geregelt zu verkehren, denn würden die Menschen einfach auf die Busse umsteigen, würde dies die Wirkung des Streiks schmälern. Letzte Woche Mittwoch fing der Streik an und ging bis Freitag und diese Woche geht es weiter. Woche um Woche soll es so nun weitergehen, bis die Regierung eine Reaktion zeigt, die die Taxifahrer akzeptieren können und wollen. In Zukunft sollen auch die Züge daran gehindert werden zu fahren und es ist damit zu rechnen, dass das Fahren während des Streiks immer gefährlicher wird, da sich die Stimmung aufladen und die Situation zuspitzen wird.
Schon jetzt gibt es genug Berichte von Leuten, die im Minibus gefahren sind und nun Verbrennungen oder diverse anderer Verletzungen haben und auch für den normalen Durchschnittsmenschen mit eigenem Auto wird es immer gefährlicher. Wenn zu viele Menschen in einem PKW sind, ist schon die Gefahr da, dass das Auto von den Streikenden aus dem Verkehr gezogen wird und was dann passiert, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Für uns heißt das im Klartext, dass wir Morgen früh weder auf den Großmarkt fahren und Gemüse kaufen, noch die Termine im Kinderkrankenhaus in der Stadt wahrnehmen werden, da noch nicht ganz klar ist, ob der Streik weiter geht und wenn dies der Fall ist, werden wir Morgen auch innerhalb von Khayelitsha nicht fahren – wir werden gewissermaßen etwas arbeitslos. Unsere finanzielle Managerin, die Krankenschwester und die Doktorin werden im Falle des Streiks nicht von Kapstadt aus herein kommen und auch die Fahrten der Sozialarbeiterin sind dann gestrichen...
Dafür haben wir dann umso mehr Zeit, um uns mit den Kindern zu beschäftigen. Vielleicht fällt uns ja irgend etwas nettes ein. Ich blicke dieser etwas anderen Zeit in Baphumelele jedenfalls gespannt entgegen.
Ansonsten läuft hier alles in seinen gewohnten Bahnen. Ich bin noch immer mit Veronika gemeinsam für die Medizin zuständig und fast durchgängig beschäftigt. Heute habe ich mehr als zwei Stunden in der örtlichen Klinik verbracht, um die Medizin für die Kinder zu holen, die am Freitag ihren Termin gehabt hätten. Auch durch die Streiks verursacht, war die Klinik, die unter anderem unsere Kinder mit den lebenswichtigen anti-retroviralen Medikamenten versorgt, geschlossen – ein Medizintransport aus Woodstock (einem Ort in Kapstadt) wurde vor der Klinik in Brand gesetzt!
Wir haben versucht ein bisschen unsere eigene Struktur in den „Medizin-Alltag“ zu bringen. Montags bereiten wir jetzt immer die Medizin für die Kinder aus dem Clemens-Haus (die älteren Kinder von 4-18 Jahren wohnen dort) und den Cluster Häusern (auch hier wohnen ältere Kinder in Familien-ähnlichen Wohngemeinschaften mit zwei Erziehern zusammen) vor und schauen nach den kranken Kindern.
Am Dienstag dann bereiten wir die Medizin für die Klein(st)kinder vor (wir haben Kinder zwischen 1 ½ Monaten und vier Jahren in dem Haus), wiegen die Zwerge und schauen nach den kranken Kindern wie am Tag zuvor. Der Mittwoch ist dann unserer persönlichen Gestaltung überlassen, da weder eine Nurse noch die Doktorin kommen. Oft gehen wir dann zu den Terminen im Kinderkrankenhaus, oder machen einfach das, was so anfällt. Pick-Up’s, Medizin, spielen mit den Kindern und vieles mehr.
Am Donnerstag wird dann wieder nach den kranken Kindern geschaut und den Freitag können wir uns dann wieder frei einteilen. Ich gehe am Freitag oft mit den Kindern zum „sculpturing“, wo ein örtlicher Künstler, der seine Produkte auf dem größten Kunstmarkt Kapstadts, dem „Greenpoint-market“ anbietet, mit den Kindern aus Stein Figuren und Formen raspelt und schmiergelt. Auch ich selber bin immer aktiv mit dabei und gestalte gerade meine zweite Schildkröte...
Am Wochenende haben wir immer frei und können eins der Autos benutzen, um nach Kapstadt rein zu kommen. Allerdings ist dies, vor allem wenn man über Nacht bleiben will, oft mit viel Kosten verbunden, so dass ich die meisten Wochenenden hier in Baphumelele verbringe. Das einzige Problem dabei ist, dass man, wenn man in Baphumelele ist, immer etwas zu tun hat. Ich habe noch kein einziges Wochenende hier verbracht, ohne früh geweckt zu werden und ohne irgendwo irgendwie auszuhelfen. Ob es nun das Babyhaus sei, was Seife bracht, eine Jugendliche, die kommt weil sie Binden haben will oder einfach nur, dass der Pre-Paid-Strom eines Hauses aufgebraucht ist. Zusätzlich gibt es am Sonntag Nachmittag immer eine Essensspende vom Woolworths in Table View abzuholen und ganz viele Kinder, die gerne mit einem spielen würden.
Als ich gerade die Aufgabe der Medizin übernommen hatte und die ersten zwei Monate, war ich mir nicht sicher, ob ich der Aufgabe auf Dauer gewachsen sein würde, aber inzwischen habe ich mich gut eingelebt. Vor allem die Sommerferien hatten mir Angst gemacht, da ich in dieser Zeit mit Veronika allein darüber zu entscheiden hatte, ob ein krankes Kind ins Krankenhaus geschickt wird oder nicht. Es kam natürlich so schlimm, wie es schlimmer nicht kommen konnte und wir hatten so viele Notfälle, wie noch nie, da im Babyhaus eine Magen-Darm-Infektion herum ging und die meisten der kleinen Kinder nicht stark genug waren, um von selber wieder gesund zu werden. Trotzdem haben wir die Situation ganz gut gemeistert – alle Kinder leben noch und die, die wir ins Krankenhaus geschickt haben, hatten es tatsächlich auch nötig. Ich möchte so eine Situation aber nicht noch einmal erleben, denn 9 Notfälle in 12 Tagen sind eindeutig zu viel und die Stühle im Krankenhaus für so viele Nächte einfach zu unbequem!
Wer aufmerksam meinen Blog mitverfolgt, wird wissen, dass ich das eine oder andere Kind in mein Herz geschlossen habe. Insbesondere den kleinen Endinako, der bei uns ist, weil seine Mutter Alkoholikerin ist. Auch er gehörte mit zu den Kindern, die es um Silvester ins Krankenhaus verschlagen hat. Von einer Infektion mit hohem Fieber, die er anfang Dezember hatte, hat er sich nicht wieder ganz erholt und irgendwann blieb dann der Appetitt weg und er fing an zu erbrechen. Einen kleinen unglücklichen, fast schon apathischen Jungen habe ich dann anfang Januar ins Krankenhaus gebracht, um dann sechs Tage später einen kleinen, fröhlichen aktiven Jungen, der die ganze Station auf den Kopf stellte (natürlich war er nicht in seinem Bett, sondern rannte irgendwo mit seiner Flasche durch die Station) wieder ab zu holen. Sogar der Ausschlag, der ihn plagt, war viel besser. Die Doktoren und Schwestern haben bei ihm ganze Arbeit geleistet!
Schon seit mindestens einem Jahr plagen ihn diese schweren Ausschläge und auch wenn es inzwischen durch diverse Kortisoncremes schon viel besser ist, sitzt er noch oft einfach da und kratzt sich. Leider ist das auch eine schlechte Angewohnheit, die er nicht so bald wieder los werden wird.
Als ich aus dem Urlaub kam, sah seine Haut gerade einmal wieder gar nicht gut aus, da sich niemand so wirklich darum gekümmert hat. Seitdem ich ihn aber wieder regelmäßig jeden Abend einkreme, wird es wieder besser abgesehen von der Entzündung, die er sich wahrscheinlich durch eine aufgekratzte Stelle geholt hat. Jedenfalls ist sein Bein angeschwollen, rot und heiß. Ich kenne dieses Gefühl, wie das ist wenn man die Stelle anfasst und das Aussehen dieser straffen, glänzenden Haut schon von 2-3 anderen Kindern und konnte so das Problem schnell erkennen. Auch wenn ich, durch meinen anthroposophischen Hintergrund geprägt, lieber auf Antibiotika verzichte sofern möglich, muss ich mich da den Zuständen in einem Township-Kinderheim einfach beugen. So viele Keime wie hier vorhanden sind, machen das Gesundwerden für die Kinder unheimlich schwer und die Antibiotika meist nötig -schade!
Im März wir mein Kleiner dann zwei Jahre alt und noch mit 18 Monaten, kurz nachdem er hier ankam, konnte er weder krabbeln, noch sitzen. Aufgrund der vielen Krankenhausbesuche, die ich mit ihm gemacht habe, fing ich an ihn sehr zu mögen und mich intensiv um ihn zu kümmern und das mit Erfolg. Wenn ich ihm etwas vorrede, ahmt er es nach, brabbelt viel, versucht ansatzweise zu reden und rennt inzwischen fröhlich durch die Gegend, klettert auf die Stühle und tanzt gerne. Wenn ich in das Babyhaus komme und er gerade gut gelaunt ist, klatscht er fröhlich in die Hände und kommt gleich auf mich zugelaufen und presst sich an mich...
Um hier aber kein falsches Bild zu schaffen muss ich auch sagen, dass er ein kleiner „Zornigel“ ist. Wenn ihm etwas nicht passt, fängt er schnell mal an zu heulen und wenn er wütend ist, kann man ihm das richtig ansehen. Es ist erstaunlich, wie sehr er sein Ding durchziehen kann, wenn ihm etwas nicht passt. Als ich ihm einmal seinen Porridge gefüttert habe, und er war wirklich hungrig, und einem anderen Kind etwas abgegeben habe von seinem Essen, hat er sich tatsächlich geweigert weiter zu essen und das bestimmt für fünf Minuten! Doch trotz oder vielleicht gerade wegen all dieser kleinen Wutanfällen, kann ich ihn super gut leiden und ich weiß ganz genau, dass ich ihn sehr vermissen werde, wenn ich zurück in Deutschland bin.
Nächsten Montag fliegt Allison heim – die Amerikanerin, die im Büro mitgearbeitet hat. Es ist ein furchtbar komisches Gefühl, weil sie schon fast so lange wie wir hier ist und jetzt plötzlich geht. Es fühlt sich nicht richtig an, wenn ich mir vorstelle, dass sie fehlt und dass wir noch weitere sechs Monate hier verbringen und ihre ruhige Art und die Gelassenheit mit der sie alle geladenen Situationen hier genommen hat werden uns sehr fehlen. Allison war eigentlich immer die, die einen kühlen Kopf bewahrte und etwas über den Dingen stand, wenn Zoff zwischen uns angesagt war oder es nervenaufreibende Diskussionen gab.
Mein zweites Halbjahr möchte ich vor allem dazu nutzen noch viel tiefer in das Projekt einzudringen. Dazu gehört für mich, die Sprache besser zu beherrschen als ich das bisher tu, denn leider habe ich es noch nicht so weit geschafft. Natürlich kann ich kurzen smalltalk halten, aber auch nur so lange es um das geht, was ich kenne. So die üblichen Begrüßungsformeln sind kein Ding und ich kann mich auch schon ein wenig über das Kranksein unterhalten, darüber wo ich herkomme und was ich arbeite und dann halt noch hier und da ein paar Wörter, Formulierungen und Anweisungen, so das Nötigste.
Molo! – Hallo!
Kunjani?/Ninjani? – Wie geht es dir/euch?
Uvela phi? – Wo kommst du her?
Usebenza ntoni? – Was arbeitest du?
Nidyagula. – Ich bin krank.
Ndilambile. – Ich habe hunger.
Dies alles sind ein paar Kostproben für euch – welche der einfacheren Art. Schließlich werden die Vokale genauso ausgesprochen wie im Deutschen. Schwieriger wird es dann bei den Klicks x, c und q, die ich bis heute noch nicht wirklich beherrsche und die wirklich richtig schwierig sind. Trotzdem versuche ich mich darin, gibt es doch schließlich so schöne Aussagen wie : „Uyonqena“ – „du bist faul“ und „Uyaxoka“ - „du lügst“, die hier oft spaßeshalber angewendet werden.
Vor allem mein Xhosa-Buch und die Erzieher im Babyhaus helfen mir dabei, die Sprache zu lernen, lediglich das Vokabellernen ist müßig!
An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei all den Leuten bedanken, die mir durch ihre Spenden dieses Jahr und diese Erfahrung hier ermöglicht haben. Es ist für mich eine super schöne, nicht immer ganz einfache, manchmal ängstigende Zeit, die ich auf keinen Fall missen möchte und die mir die Möglichkeit gibt, mit Verantwortung umgehen zu lernen und gleichzeitig in eine neue Kultur einzutauchen. Eine Zeit, die mir wichtige Erfahrungen im Umgang mit Menschen bringt und die mir sicher einige Steine auf meinem zukünftigen Weg beiseite räumt und sei es nur dadurch, dass ich hier gelernt habe Verantwortung für meine Arbeit zu übernehmen und zuverlässiger meine Aufgaben zu erledigen.
DANKE!
Montag, 16. Februar 2009
Brief an alle meine Spender und Unterstützer
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